Der häufigste Rat zur Buch-Nische ist auch der gefährlichste: Mach sie so eng wie möglich. Für die meisten Erstautoren ist das das falsche Werkzeug am falschen Tag. Ihr Problem sitzt am anderen Ende.

Die Antwort in Kürze

Die Nische ist keine Frage von eng oder breit. Sie ist eine Frage der Spannweite: eng genug, dass sich ein Mensch gemeint fühlt, breit genug, dass ein Markt trägt. Der häufigste Fehler bei Erstautoren ist die zu breite Nische, aus Angst, jemanden auszuschließen. Die Gegenfalle ist die zu enge, in der kein Markt mehr übrig bleibt. Ob deine Nische sitzt, ist prüfbar. Vor dem ersten Kapitel.

Überblick:

  • Warum „so eng wie möglich" der falsche Rat zur falschen Zeit ist
  • Die häufigste Falle: zu breit, aus Angst vor dem Ausschluss
  • Die Gegenfalle: zu eng, der Markt trägt nicht mehr
  • Die richtige Spannweite finden
  • Selbst-Check: zu breit, zu eng oder genau richtig?
  • Fazit

Der Rat, der dich in die Irre führt

„Mach deine Nische so eng wie möglich." Der Satz steht in jedem zweiten Marketing-Ratgeber. Er klingt nach Mut, nach Schärfe, nach Profil. Und für einen Teil der Autoren stimmt er sogar: für die, die ohnehin zu breit denken und einen Tritt Richtung Fokus brauchen.

Erstautoren trifft er am falschen Punkt. Sie hören „so eng wie möglich" und verstehen es als Gesetz. Die einen verengen, bis vom Markt nichts mehr übrig ist. Die anderen ignorieren den Rat komplett, weil er sich nach Verzicht anfühlt, und bleiben breit. Beide haben verloren, bevor sie die erste Seite geschrieben haben.

Ein Rat ist ein Werkzeug. Kein Werkzeug passt auf jede Hand. Die Frage ist nicht, ob du eng oder breit gehst. Die Frage ist, wie weit deine Nische spannt.

Die häufigste Falle: zu breit, aus Angst vor dem Ausschluss

Der mit Abstand häufigste Fehler in meinen Sparrings ist die zu breite Nische. Fast immer aus demselben Grund: Angst. „Wenn ich mich zu sehr festlege, schließe ich Leser aus." Also bleibt das Buch für „Führungskräfte", für „Menschen, die wachsen wollen", für „alle, die ihr Potenzial entfalten möchten".

Wer alle meint, meint niemanden. Eine Leserin steht im Buchladen, überfliegt den Klappentext und fragt in zwei Sekunden: Ist das für mich? Bei „für Führungskräfte" zuckt sie mit den Schultern. Bei „für Abteilungsleiter, die zum ersten Mal ein Team von Älteren führen" hält sie inne. Die Eingrenzung schließt niemanden aus. Sie zieht die Richtigen an.

Die Breite fühlt sich sicher an. Sie ist das Gegenteil. Ein breites Buch konkurriert mit tausend anderen breiten Büchern und fällt in keinem Regal auf. Ein scharf geschnittenes Buch hat in seinem kleinen Feld kaum Wettbewerb und wird gekauft, weil es gemeint ist.

Aber zu eng ist auch eine Falle

Hier wird es ehrlich, denn die andere Seite gibt es auch. Wer den „so eng wie möglich"-Rat zu wörtlich nimmt, schneidet weiter und weiter, bis der Markt verschwindet. „Vertrieb für linkshändige Zahnärzte in Ostwestfalen" hat keinen Wettbewerb. Aus einem schlichten Grund: Da ist niemand.

Wer nur drei Leute meint, lebt nicht davon. Eine Nische trägt erst, wenn drei Dinge zusammenkommen. Es gibt genug Menschen, die das Problem haben. Diese Menschen suchen aktiv nach einer Lösung. Und sie sind bereit, dafür Geld auszugeben. Fehlt eines davon, ist die Nische ein Hobby, kein Buchmarkt.

Die zu enge Nische ist seltener als die zu breite, deshalb wird vor ihr kaum gewarnt. Wer sie trifft, sitzt aber genauso fest. Monate Arbeit, ein sauberes Buch, und am Ende ein Markt von zweihundert Menschen, die es ohnehin schon wussten.

Die richtige Spannweite finden

Die Kunst sitzt zwischen den beiden Fallen. Eng genug, dass sich ein Mensch beim Lesen des Titels gemeint fühlt. Breit genug, dass hinter diesem Menschen ein Markt steht. Diese Spannweite ist Handwerk, kein Bauchgefühl.

ZU BREIT, GENAU RICHTIG, ZU ENG

ZU BREIT

SYMPTOM„Für alle, die wachsen wollen." Der Klappentext könnte über zehn Bücher stehen.

FOLGENiemand fühlt sich gemeint. Das Buch verschwindet im vollen Regal.

KORREKTUREingrenzen, bis du einen einzelnen Menschen mit Namen vor dir siehst.

GENAU RICHTIG

SYMPTOMEine konkrete Person fühlt sich gemeint, und es gibt genug davon.

FOLGEWenig Wettbewerb im engen Feld, klare Nachfrage, kaufbereite Leser.

PRÜFUNGNachfrage, Differenzierung und Kaufbereitschaft tragen gleichzeitig.

ZU ENG

SYMPTOMSo spitz geschnitten, dass kein Wettbewerb existiert, weil kein Markt existiert.

FOLGESauberes Buch, zweihundert mögliche Käufer, kein tragender Markt.

KORREKTUREine Ebene weiter aufmachen, bis ein echter Markt im Feld steht.

Wie du die Spannweite konkret schneidest, Schritt für Schritt, steht in der Methodik zur Fachbuch-Nische: Expertise-Kern, Zielgruppen-Schnitt, ein ehrlicher Blick auf den Wettbewerb und am Ende ein Statement, das trägt. Wer das geführt durcharbeiten will, mit Arbeitsblatt und automatischer Bewertung, nimmt den Nischen-Finder. Steht deine Nische erst einmal, folgt die Positionierung, die Frage, wie du dich im Feld konkret abgrenzt.

Selbst-Check: zu breit, zu eng oder genau richtig?

Drei Fragen, schriftlich, in je einem Satz. Schriftlich macht den Unterschied.

SITZT DEINE NISCHE?

Beantworte die drei Fragen ehrlich. Sie zeigen dir, an welchem Ende du nachschärfen musst.

  1. Siehst du beim Gedanken an deinen Leser einen einzelnen Menschen mit Beruf und Lebenslage, oder eine Gruppe? Eine Gruppe heißt: zu breit.
  2. Findest du auf Amazon mehrere Bücher in deinem Feld, die sich ordentlich verkaufen? Kein einziges heißt: womöglich zu eng, der Markt fehlt. Ein volles Regal ist ein gutes Zeichen, es beweist Nachfrage.
  3. Würden die Menschen, die du meinst, für die Lösung ihres Problems Geld ausgeben? Ein zögerliches Vielleicht heißt: die Nische trägt wirtschaftlich noch nicht.

Dreimal ein klares Ja heißt, deine Spannweite sitzt. Bei jedem Nein weißt du jetzt, an welchem Ende du drehst.

Fazit

Eng oder breit ist die falsche Frage. Die richtige ist die Spannweite: eng genug für Gemeint-Sein, breit genug für einen Markt. Erstautoren landen meist auf der breiten Seite, aus Angst vor dem Ausschluss. Manche kippen auf die enge, aus falsch verstandener Schärfe. Beide Enden sind prüfbar, bevor du Monate investierst.

Hier kurz ehrlich: Die zu enge Nische ist mir lange als die kleinere Gefahr erschienen. Eine scharfe Idee, dachte ich, kann man immer noch aufmachen. Aus genug begleiteten Projekten weiß ich es heute anders. Beide Fallen kosten dasselbe, ein halbes Jahr Arbeit am falsch geschnittenen Buch. Die breite kostet es häufiger. Die enge kostet es leiser.

Wer die Spannweite am Anfang prüft, schreibt das Buch, das gemeint ist und gefunden wird. Wer sich vor der Prüfung drückt, schreibt das beste Buch für einen Markt, den es so nicht gibt. Die Stunde Klärung jetzt ist die billigste im ganzen Projekt.

Markus Coenen, Autorencoach

Markus Coenen

Autorencoach für Unternehmer und Experten. Begleitet seit 2003 Sachbuchprojekte von der Idee bis zum Bestseller. Über 250 begleitete Buchprojekte.

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